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Sophie Scholl, einundzwanzigjährig, in einem Brief vom 10.10.1942 an ihre Freundin Lisa Remppis:

Jetzt freue ich mich wieder an den letzten Strahlen der Sonne, ich staune über die unerhörte Schönheit alles dessen, was nicht der Mensch geschaffen hat. Die roten Dahlien am weißen Gartentor, die hohen ernsten Tannen und die zitternden goldbehangenen Birken mit ihren jetzt leuchtenden Stämmen vor all dem grünen und rostfarbenen Laubwerk, die goldene Sonne, die die leuchtende Farbenkraft eines jeden einzelnen Dinges noch erhöht, anstatt, wie die glühende Sommersonne, alles, was sich neben ihr noch regen will, zu erdrücken. Alles ist so zum Staunen schön, daß ich noch nicht weiß, was für ein Gefühl mein sprachloses Herz dafür entfalten soll, denn für eine reine Freude daran ist es noch nicht reif genug, es staunt und begnügt sich mit entzücktem Staunen. - Ist es nicht auch Rätsels genug, und wenn man den Grund dafür nicht weiß, beinahe furchterregend, daß alles so schön ist? Trotz des Schrecklichen, das geschieht. In meine bloße Freude an allem Schönen hat sich etwas großes Unbekanntes gedrängt, eine Ahnung nämlich von seinem Schöpfer, den die unschuldigen erschaffenen Kreaturen mit ihrer Schönheit preisen. -Deshalb eigentlich kann nur der Mensch häßlich sein, weil er den freien Willen hat, sich von diesem Lobgesang abzusondern. Und jetzt könnte man oftmals meinen, er brächte es fertig, diesen Gesang zu überbrüllen mit Kanonendonner und Fluchen und Lästern. Doch dies ist mir im letzten Frühling aufgegangen, er kann es nicht, und ich will versuchen, mich auf die Seite der Sieger zu schlagen.

Am 09.Mai 1996 wäre Sophie Scholl 75 Jahre alt geworden.


Aus der Ansprache des Schulleiters, Siegfried Steffensen, anläßlich der Abiturientenverabschiedung 1994:

Zum Lebenslauf

Bild von Sophie Scholl Sophie Scholl wurde am 09. Mai 1921 in Forchtenberg (Württemberg) als Tochter des dort tätigen Bürgermeisters Robert Scholl und seiner Ehefrau Magdalene geboren; sie war das vierte von fünf Kindern. Als die Nationalsozialisten im Jahre 1933 in Deutschland die Macht ergriffen, besuchte sie als Zwölfjährige das Gymnasium in Ulm, wo der Vater nach Aufgabe des Bürgermeisteramtes seit 1930 als Steuerberater arbeitete. Als eine patriotische Welle das Land überflutete, bedurfte es kaum einer offiziellen Regierungspropaganda, um den Scholl-Kindern die Liebe zum Vaterland einzugeben; sie waren von einem sich auf ihre unmittelbare Umgebung beziehenden instinktiven Patriotismus erfüllt.

Der Vater, der von Anfang an in kritischer Distanz zu Hitler und seiner Bewegung stand, sah erschrocken, wie seine Kinder unbefangen und von bestem Wollen beseelt sich von den verkündeten Idealen einfangen ließen. Dennoch ließ er sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Wie die Jungen in die HJ eintraten, so Sophie und ihre Schwestern in den BDM. Allerdings konnten die Aktivitäten, in die sie damit eingebunden war, Sophie zu keinem Zeitpunkt so sehr vereinnahmen wie ihre Geschwister.

Es ließ sie auf Distanz gehen, daß sie Leute, die sie sympathisch fand, auf staatliches Geheiß ablehnen sollte. So begehrte sie beispielsweise dagegen auf, daß eine Schulfreundin, die "nicht arisch" war, keine Aufnahme im BDM finden sollte. Schon früh deutete sich bei ihr auf Grund der Eigenständigkeit der Persönlichkeit ihre Unanfälligkeit gegenüber Parolen an. Als nach Teilnahme am Reichsparteitag der NSDAP von 1936 Sophies Bruder Hans ebenfalls zunehmend Zurückhaltung gegenüber dem Pathos "der Bewegung" zeigte, traten die Scholl-Kinder in eine freie Jugendorganisation, die in der Traditon der Wandervogelbewegung stand, ein. Als im Herbst 1937 die Nationalsozialisten zum Schlag gegen alle nicht gleichgeschalteten Bünde ausholten, wurden vier der Scholl-Kinder verhaftet und unterschiedlich lange festgehalten; Sophie 1 Tag lang, Hans 5 Wochen lang.

Dieses Ereignis markierte eine innere Wende Sophies und ihrer Geschwister und führte zur völligen Abkehr Sophies vom Hitler-Staat in ihren beiden letzten Schuljahren.

Ereignisse wie die "Reichskristallnacht" und der Beginn des Krieges spielten in diesem Zusammenhang eine ausschlaggebende Rolle. Als sie die Nachricht vom Einmarsch deutscher Truppen in Polen im Radio hörte, schrieb sie spontan an einen Freund und brachte ihre Abneigung gegen das Geschehen zum Ausdruck. Ihr Brief angesichts des deutschen Angriffs endete mit dem Satz: "Sag nicht, es ist für's Vaterland."

Nach dem Abitur im März 1940 besuchte Sophie Scholl ein Jahr lang das Fröbel-Seminar in Ulm und ließ sich zur Kindergärtnerin ausbilden. Nach einem halben Jahr Reichsarbeitsdienst und einem halben Jahr Kriegshilfedienst, wozu sie verpflichtet wurde, konnte sie zum Sommersemester 1942 endlich das von ihr angestrebte Studium der Fächer Philosophie und Biologie an der Universitat München, wo auch ihr Bruder Hans immatrikuliert war, aufnehmen. Damit gelangte sie auch in den Freundeskreis ihres Bruders. Als Berichte von Massenerschießungen in Polen und der UdSSR durchsickerten und Hans Scholl, der in Lazaretten im besetzten Frankreich gearbeitet hatte, von dem ihn beeindruckenden Leid, das durch das Tun der Nationalsozialisten über die Menschen gekommen war, berichtete, brach sich in diesem Freundeskreis die Auffassung Bahn, daß etwas gegen den Diktator unternommen werden müsse.

Auf dem Boden einer durch das Elternhaus vemittelten und durch eigene Reflexion verstärkten christlichen Grundhaltung faßten die jungen Leute den Entschluß, auf Flugblättern telegrammstilartige Informationen und Aufrufe zu verbreiten, um den Menschen die Augen zu öffnen. Sophie machte sich die Aufforderung aus dem Jakobus-Brief "Seid Täter des Wortes, nicht Hörer allein" zur Maxime und bestand -- zunächst gegen den Willen ihres Bruders -- darauf, mittun zu dürfen.

Die jungen Leute, in deren Kreis sich Sophie zu einer besonders starken Persönlichkeit entwickelte, wußten, daß sie mit den unter dem Symbol der "Weißen Rose" veröffentlichten Flugblättern ihr Leben riskierten; das Christentum gab ihnen die Kraft. Im Januar 1943 tauchten die Flugblätter der Weißen Rose in vielen deutschen Städten auf, und die Staats- und Parteiführung war auf das äußerste beunruhigt.

Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl in der Universität in München gefaßt, als sie Flugblätter in den Lichthof warfen. Sie wurden noch an demselben Tag der Gestapo überstellt und endlosen Verhören unterworfen. Dabei unternahm Sophie den verzweifelten Versuch, zur Schonung ihrer Freunde alle Vorwürfe auf sich zu nehmen. Obwohl ihr -- gegen alle Gewohnheit der Gestapo -- vom Leiter der Verhöre eine Brücke gebaut wurde, ihren Anteil an den Flugblattaktionen herunterzuspielen, wollte sie von einer Flucht aus der Verantwortung nichts wissen. Nicht Taktik bestimmte ihr Handeln, sondem unbeugsamer Bekennermut.

Der berühmt-berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, reiste persönlich vier Tage nach der Festnahme der Geschwister Scholl nach München, um den Prozeß zu leiten. Am 22. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl mittags zum Tode verurteilt, und sie starben noch am Spätnachmittag desselben Tages unter der Guillotine.

Bekannt und berühmt geworden sind Sophies Worte, die sie auf Freislers Vorhaltungen sprach und die dem tobenden Präsidenten des Volksgerichtshofes für einen Augenblick die Sprache verschlugen:

"Einer muß ja doch mal schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen."

(aus: "Berichte 18, Sophie-Scholl-Gymnasium", 1995, S. 3 ff.)


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