Bereits im Jahre 1967 war verschiedentlich auf die steigenden Schülerzahlen in den beiden Itzehoer Gymnasien, Kaiser-Karl-Schule und Auguste-Viktoria-Schule, hingewiesen worden. Im Februar 1968 wandte sich der Elternbeirat der KKS mit einem unüberhörbaren Appell an den Kultusminister des Landes Schleswig-Holstein und die Stadt Itzehoe. Man forderte zur Aufrechterhaltung einer räumlich wie personell erträglichen Unterrichtssituation die Gründung eines dritten Gymnasiums in der Stadt. Landrat Matthiesen setzte sich unverzüglich mit dem Kultusministerium in Verbindung und erfuhr dort Zustimung zu Plänen, die in der Kreisstadt Gestalt anzunehmen begannen.
Die Entscheidung für die Gründung des Kreisgymnasiums fiel dann am Donnerstag, dem 04.Juli 1968.
Nach rund dreistündiger Erörterung der Schulsituation wurde an diesem Tage in der
Itzehoer Ratsversammlung "die Schaffung eines dritten Gymnasiums (...) besonders
befürwortet, um die Schulraumnot im Bereich der Oberschulen zu beheben". Zuvor
hatte der Vorsitzende des Schulausschusses, Ratsherr Behrend, "auf die Tatsache der
geburtenstarken Jahrgange und die Auswirkung der Bildungswerbung hingewiesen", die
zu einem "Engpaß" im Itzehoer Schulwesen geführt hatten. Ratsherr Dr. Weinauge
forderte nach dem Einführungsreferat des Schulausschußvorsitzenden Behrendt denn
auch eine rasche Beschlußfassung zur Gründung neuer Schulen in Itzehoe, weil sonst
die "Schulraumnot zu einer Schulraumkatastrophe" werde. Am Ende der
Ratsversammlung vom 04.07.68 wurde der Vorschlag von Bürgervorsteher Otto
Eisenmann, der die Gründung einer neuen Grundschule in Wellenkamp, einer zweiten
Realschule und eines dritten Gymnasiums vorsah, von der Ratsversammlung
einstimmig beschlossen. Bezüglich des Gymnasiums heißt es in dem Beschluß der
Ratsversammlung insbesondere: "Die Stadt Itzehoe bittet den Kreis Steinburg, die
Trägerschaft zu übernehmen. Die Stadt Itzehoe wird dem Kreis Steinburg unverzüglich
ein geeignetes Baugelände hierfür nachweisen. Der Magistrat wird beauftragt, die
Verhandlungen mit dem Kreis sowie dem Land Schleswig-Holstein zur Verwirklichung
des Projektes aufzunehmen" (Norddeutsche Rundschau vom 5. Juli 1968).
Durch Beschluß des Kreistages erklärte sich der Kreis Steinburg im Oktober 1968 zur Übernahme der Trägerschaft für die neu zu errichtende Schule bereit. Doch damit waren noch keineswegs alle Schwierigkeiten ausgeräumt; die Standortfrage beschäftigte die Politiker und die Öffentlichtkeit noch mehrere Monate. Der Vorschlag der Stadt, ein Stück des Lehmwohlds für das Projekt bereitzustellen, stieß auf zum Teil heftige Ablehnung von Bürgern. Unzählige Leserbriefe in der Lokalpresse sind Zeugnisse der Kontroverse.
Als völlig neuer Standort für ein Gymnasium wurde gar Hohenlockstedt ins Spiel gebracht. Am 14.März 1969 fiel im Kreistag die Entscheidung, daß das neue Gymnasium am Lehmwohld gebaut werde.
Wegen der für die beiden bestehenden Gymnasien kaum noch erträglichen Raumnot wurde aber nicht die Fertigstellung eines neuen Gebäudes abgewartet, sondern mit dem Beginn des neuen Schuljahres sollte das vom Kreis getragene Gymnasium in Raumen der Ernst-Moritz-Arndt-Schule seine Arbeit aufnehmen. Das Kultusministerium beauftragte den stellvertretenden Leiter der Auguste-Viktoria-Schule, Studiendirektor Hans Herold, mit der kommissarischen Leitung der neuen Schule. Mit drei Sexten, drei Quinten und zwei Quarten begann am 11.August 1969 der Unterricht für 162 Jungen und 104 Mädchen. Die durchschnittliche Klassengröße betrug 33 Schülerinnen und Schüler. Da die Kaiser-Karl-Schule eine Jungenschule und die Auguste-Viktoria-Schule eine Mädchenschule waren, fand in der Lokalpresse die Tatsache, daß das Kreisgymnasium das zeitgemäße System der Koedukation praktiziere, besondere Erwähnung (NR vom 13.08.1969).
Die Schülerinnen und Schüler, so läßt sich aus den ersten Unterlagen entnehmen, kamen in der Gründungsphase des Kreisgymnasiums überwiegend aus den Stadtteilen Tegelhörn, Edendorf und Sude sowie aus weiter abgelegenen Gemeinden der Kreise Steinburg und Rendsburg-Eckernförde. Noch standen den 210 Ortsansässigen nur 56 Fahrschüler gegenüber (zum Vergleich: 1992/93 waren es 324 Itzehoer und 310 Fahrschüler).
Als Hans Herold am 22.September 1969, also sechs Wochen nach Unterrichtsbeginn, vom Kreistag zum regulären Schulleiter gewählt wurde, (er hatte dieses Amt dann bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1982 inne), hatten er und 19 Lehrkräfte die Gestaltung der neuen Schule schon fest in ihre Hände genommen. Eine angemessene Unterrichtsversorgung war in der Zeit erheblichen Lehrermangels nur durch kollegiales Zusammenwirken der Leiter der drei Itzehoer Gymnasien und aufgrund der Bereitschaft mehrerer Lehrerinnen und Lehrer, zeitweilig an zwei Schulen zu unterrichten, zu gewährleisten.
Mit der Errichtung eines eigenen Gebäudes für das Kreisgymnasium wurde dann im
Frühjahr 1970 begonnen. Am 27.Februar 1970 legte der Elmshorner Architekt Werner
Thee der Schulpflegschaft des Kreisgymnasiums den Entwurf für das Bauvorhaben vor,
der am 11. Marz 1970 verabschiedet und kurz darauf von Kiel genehmigt wurde. Das
Bauvorhaben des Schulzentrums am Lehmwohld, bestehend aus dem heutigen
Kreisgymnasium und der benachbarten Realschule II, war dabei in mehrere Abschnitte
eingeteilt, und zwar waren es beim Kreisgymnasium drei und bei der Realschule zwei
Etappen. Der Zeitplan für das Kreisgymnasium sah vor, daß der erste Abschnitt bis
August 1990 im Rohbau fertiggestellt sein sollte, so daß die Schule die ersten zehn
Räume zum Jahresanfang 1971 würde nutzen können. Der zweite Abschnitt sollte laut
Bauplan zum Schuljahresbeginn 1971/72 fertig sein, und in einem dritten sollten dann
die restlichen 11 Räume des Gymnasiums errichtet werden. Geplant war 1970 auch der
Bau der Sporthalle im Süden des 1970 gerodeten Waldgeländes am Lehmwohld. Ohne
die Sporthalle und ohne die Realschule waren für den Bau des Kreisgymnasiums 4,5
Mill. Mark als Kosten veranschlagt.
Am 25. Februar 1971 war es dann soweit. Der erste Bauabschnitt des Gebäudes des
Kreisgymnasiums am Lehmwohld wurde eingeweiht. Nach heftigen Kämpfen um den
Standort Lehmwohld und einem 18 Monate währenden provisorischen Domizil in der
Ernst-Moritz-Amdt-Schule konnte Schulleiter Hans Herold der Öffentlichkeit verkünden:
"Die Kinder sagen: Unsere neue Schule ist ganz große Klasse!" Zur Einweihungsfeier
am 25.02.71 waren viele Gäste gekommen, wie in der Norddeutschen
Rundschau" vom 26. Februar nachzulesen ist: Kreispräsident Alfred von Rosenberg
konnte - u. a. - begrüßen: den Leitenden Regierungsschuldirektor Dr. Schneider aus
Kiel, Landrat Matthiessen, Bürgervorsteher Knees, den Ersten Stadtrat Hamann,
zahlreiche Kreistagsabgeordnete und Ratsherren, Schulrat Baumgärtel, die Leiter aller
Itzehoer Schulen, die Kollegien der Ernst-Moritz-Arndt-Schule und des
Kreisgymnasiums, Vertreter der Schulpflegschaft und des Elternbeirats, der Kirchen,
der Bundeswehr und des Philogenverbands" (NR vom 26.02.1972).
Der gesamte Komplex des Schulzentrums am Lehmwohld, also einschließlich des
Neubaus der Realschule und des dritten Bauabschnittes des Kreisgymnasiums, wurde
dann am Freitag, dem 1.Februar 1974 eingeweiht. Die doppelte Schlüsselübergabe an
die beiden Schulleiter nahm der damalige Bürgermeister von Itzehoe, Günther Hörnlein,
vor: die Festansprache hielt diesmal der Kultusminister Prof Dr. Walter Braun. Aus den
Presseberichten im Anschluß an die Einweihung spricht Erleichterung über das
Gelingen des in mehr als fünf Jahren geplanten und erbauten Schulkomplexes.
Einige Bemerkungen über den größeren historischen Kontext und den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, in den die Gründung des Kreisgymnasiums 1969 und die Errichtung seines Gebäudes zwischen 1970 und 1974 hineinzustellen sind, seien an dieser Stelle angefügt. Es ist natürlich die Zeit einer in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bisher einmaligen Bildungsexpansion und einer Vielzahl von Schulneubauten. Befördert wurde diese Entwicklung wahrscheinlich von drei Umständen: Zum einen gab es seit Anfang der sechziger Jahre eine ständig wachsende Aufstiegsorientierung und ein damit verbundenes Interesse an einer möglichst hohen Bildung. Ralf Dahrendorfs Publikation "Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik" (Hamburg 1965) war dafür symptomatisch. Hinzu kam der seit Ende der sechziger Jahre sich abzeichnende "Babyboom" mit beachtlich anwachsenden Schülerzahlen in den siebziger Jahren. Und schließlich darf eine Artikelserie des Freiburger Theologen und Pädagogen Georg Picht nicht unterschätzt werden, der in der wirtschaftlichen Stagnationsphase Mitte der sechziger Jahre (nach dem "Wirtschafts wunder" der späten fünfziger Jahre) in der angesehenen Wochenzeitung "Christ und Welt" vor einer "Deutschen Bildungskatastrophe" (Olten 1964) gewarnt hatte. Und der damalige Bundeskanzler Erhard hatte in seiner Regierungserklärung von 1963 der Bildungsfrage jenen Stellenwert zugemessen, der im 19. Jahrhunden der sozialen Frage zukam. Hintergrund der Überlegungen von Erhard bis zu Willy Brandt und seiner Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag im Jahre 1969 war unter anderem die Sorge, die wissenschaftliche, technische und damit auch wirtschaftliche Zukunft der rohstoffarmen Bundesrepublik sei massiv gefährdet, wenn die "Abiturientenquote" nicht deutlich gesteigert werde. In jenen Jahren wurde der prozentuale Anteil der Abiturienten an den Jugendlichen eines Jahrgangs allgemein als eine Art "Indikator" für den kulturellen und geistigen Standard dieser Altersgruppe angesehen. Und eben diese "Abiturientenquote" lag 1970 in der Bundesrepublik erst bei 6,8 Prozent, in Italien dagegen bei 19,0 Prozent und in Schweden bei 22,0 Prozent. Das Bemühen, gegenüber anderen westlichen Industriestaaten nicht in Rückstand zu geraten, war wesentliche Triebkraft der einsetzenden Bildungsexpansion. Allein in Schleswig-Holstein wurden zu den vorhandenen 51 Gymnasien am Beginn der sechziger Jahre bis 1975 über 30 weitere Gymnasien hinzugefügt. Die Schülerzahlen an den Gymnasien stiegen von 1964/65 (dem Jahre von Pichts Katastrophenwarnung) von 32617 bis zum Schuljahr 1974/75 auf 69454, also um mehr als 100 Prozent in nur 10 Jahren. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war dann im Schuljahr 1980/81 erreicht: Damals gab es 86133 Gymnasiasten im Lande (1993: 63 630), die an über 100 Gymnasien unterrichtet wurden. Das Kreisgymnasium beschulte 1974 nach der Fertigstellung seines gesamten Schulgebäudes 776 Schülerinnen und Schüler und erreichte sein Maximum im Schuljahr 1979/80 mit 1035 Schülerimen und Schülern. Vierzig Jahre vor dem Boom von 1980/81 mit 86000 Schülern hatte es in Schleswig- Holstein erst 37000 Gymnasiasten gegeben. Die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer, konnte freilich nicht so schnell gesteigert werden, so daß die damalige Landesregierung 1974 und in den darauffolgenden Jahren massiv für den Lehrerberuf warb, den Lehrerberuf durch rasche Beförderungen attraktiv zu machen versuchte und die Lehrerausbildung durch das Landesinstitut für Praxis und Theorie der Schule erheblich intensivierte. Dennoch gab es in den Jahren der Bildungsexpansion handfesten Lehrermangel, der auch durch die Bereitstellung von Planstellen nicht völlig behoben werden konnte: So betrug das Stundenfehl in den Gründungsjahren des Kreisgymnasiums wie vielerorts im Lande zwischen 6 und 9 Prozent und baute sich erst in den achtziger Jahren mit rückläufigen Schülerzahlen ab. Festzuhalten bleibt, daß das Bemühen, möglichst vielen jungen Menschen den Erwerb gymnasialer Bildung zu ermöglichen, von allen gesellschaftlichen Schichten getragen wurde.
Seit dem 6. Mai 1995 lautet die offizielle Bezeichnung der Schule: